2017-02-19

Agfa Optima Reflex


Agfa Optima Reflex heißt meine neueste Erwerbung für die Sammlung. Es handelt sich um eine der seltenen zweiäugigen Spiegelreflexkameras für den Kleinbildfilm (35 mm TLR = "twin lens reflex"). Sie war nicht die erste ihrer Art, das ist die berühmte Contaflex von 1935, und auch nicht die letzte. Glaubt man einem umfassenden Vergleich, so ist sie aber diejenige mit dem höchsten Nutzwert oder Fotografierspaß unter diesen. Die Kamera basiert auf der Flexilette, die wiederum einige Elemente mit Agfa's Silette Serie gemeinsam hat. 1959 landete Agfa einen Coup mit der neuen Optima, die erste Sucherkamera mit einer Belichtungsvollautomatik (später "Programmautomatik" genannt). Man erkennt es schon am Namen: Die Optima Reflex hat natürlich diese Automatik an Bord und das macht sie 1961 meines Wissens zur ersten Spiegelreflex mit Programmautomatik. 
Trotz des hohen Preises von fast 400 DM war sie dennoch nichts für den anspruchsvollen Amateur. Weder ließ sich die Verschlusszeit einstellen noch Objektive wechseln. Dafür war sie konsequent auf einfaches Fotografieren ausgelegt. 

Und das geht so: Kamera vors Auge und der Blick durch den sehr hellen und großen Spiegelreflexsucher. In der Mitte hilft ein diagonaler Schnittbildentfernungsmesser beim Scharfstellen. Links im Sucher zeigt ein rotes Fähnchen an, dass der Verschluss gespannt ist. Drückt man dann den Auslöser halb herunter wird die Automatik aktiviert, die Selenzelle misst Helligkeit, stellt zunächst den Verschluss auf eine passenden Verschlusszeit bei Offenblende (2.8), ist es bei 1/250 s dann immer noch zu hell wird die Blende weiter geschlossen. Ist das erfolgreich, wird das Ampelfähnchen im Sucher grün und man kann den Auslöser ganz runterdrücken um die Aufnahme zu machen. Danach wird das Fähnchen schwarz, einfach um anzuzeigen, dass der Verschluss neu gespannt werden muss.
Ist es zu dunkel, bleibt das Fähnchen rot und man hat zwei Möglichkeiten: a) Blitz benutzen, dazu dreht man den Blendenring von "A" nach rechts auf eine der gelb unterlegten Blendenzahlen, die einem Entfernung und die Blitzleitzahl vorgeben. Die Kamera stellt dabei die Verschlusszeit auf 1/30 s. Oder b) Kamera auf's Stativ und Blendenring nach links auf die schwarzen Blendenzahlen drehen. Der Verschluss ist dann auf B gestellt. Zugegeben: damit ist sie nichts für Dämmerungs- oder Innenaufnahmen, da fehlen dann die "langen Zeiten" zwischen 1s und 1/15 s. 

Mit dem 1961-Preisschild von 398 DM (in 2016-Wert: ca. 900€) und dem sehr klobigen Gehäuse hat Agfa aber wohl Anfang der 1960er nur eine kleine Zielgruppe erreicht. Der anspruchsvolle Amateur griff eher zur SLR mit Wechselobjektiven, die anderen zu eher simplen aber preiswerteren Sucherkameras. Man liest daher oft, dass diese Kamera selten ist, allerdings gibt es keinerlei Zahlen. Ich traue mich hier mal an eine Schätzung: Es werden wohl ca. 15,000 bis 20,000, maximal 25,000 Exemplare sein. Für diese Schätzung habe ich Seriennummern "gesammelt", die meisten auf abgeschlossenene e-bay Auktionen. Diese Seriennummern bestehen aus zwei Buchstaben und einer vierstelligen Zahl. In allen 9 Fällen war die Buchstabenkombination entweder "ZU", "ZV" oder "ZW". Für "ZU" habe ich allerdings auch andere Agfa-Kameras gefunden. Damit habe ich mal meine Analyse versucht und komme auf die obige Größenordnung. Basierend auf der geringen Produktionsmenge möchte ich auch McKeown's Angabe anzweifeln, dass die Kamera bis 1966 produziert wurde. Ich postuliere mal 1961-1963/64, Resteverkauf vielleicht bis 1966. Wer hier verlässliche andere Quellen hat, bitte melden...

Ich habe meine auf e-bay gefunden und war wieder mal fasziniert als ich sie dann gestern erstmalig in der Hand hatte. Der erste Eindruck: Was für ein Klotz! Eine richtig massive Kamera und dann noch groß, insbesondere hoch. Dann der Blick durch den Sucher und ein Wow-Effekt. Sowas erwartet man nicht von einer 60er Jahre Kamera, richtig groß und hell und das sogar nur bei 2.8! Ein ähnlichen Wow-Effekt hatte bei meinen SLR's eigentlich nur die Olympus OM-1. Und dann Überraschung Nr. 3, die sich erst allmählich einstellte: Die Selenzelle und damit auch die Automatik scheinen noch zu funktionieren! Beweisen konnte ich das natürlich (noch) nicht, aber die 5 Blendenlamellen stellen sich je nach Lichtsituation unterschiedlich. Mal sehen, ob ich irgendwann mal einen Film riskiere. Für alle, die noch mehr wissen wollen, unten sind wie üblich weitere interessante Links (auch über die anderen 35 mm TLR's)...

Datenblatt Zweiäugige Spiegelreflex (TLR) für Kleinbildfilm
Objektiv 2 x Agfa Color Apotar 45mm f/2.8 (Triplet, vergütet). Nicht auswechselbar. Blendenwerte 2.8 - 22 in ganzen Stufen.
Verschluss Zentralverschluss 1/30-1/250 s, elektrisch gesteuert ("A"). Manuelle Zeiten 1/30 s (Blitz) und B.
Belichtungsmessung Selenzelle mit vollautomatischer Belichtungssteuerung unter Bevorzugung kurzer Verschlusszeiten. Filmempfindlichkeit einstellbar von 10-250 ASA (11-25 DIN).
Fokussierung Manuell am Objektiv. Naheinstellgrenze 1m. Einfache Entfernungssymbole oben, Unterseite Objektiv mit m und feet Skala. Scharfstellen per Reflexsucher mit Schnittbildhilfe.
Sucher Großer und heller Reflexsucher mit Schnittbildentfernungsmesser und Ampelindikator (rot, grün, schwarz) für Belichtungsmesser.
Blitz Anschluss über Blitzbuchse, Synchronzeit 1/30 s.
Filmtransport Schnellspannhebel auf der Kameraunterseite links, Bildzählwerk (rückwärtszählend, muss manuell initialisiert werden).
sonst. Ausstattung Stativgewinde, ISO-Drahtauslöser, Zubehörschuh.
Maße, Gewicht ca. 65x116x140 mm, 850 g
Batterie keine
Baujahr(e) 1961-1963 (?), ca. 20000 Exemplare, diese #ZW5343 von 1963.
Kaufpreis, Wert heute 398 DM (1964), ca. 100 €.
Links John Marriage "History of the 35mm Twin Lens Reflex"Corso Polaris, Wikipedia, Bedienungsanleitung (italienisch), Camera-wiki, Lippisches Kameramuseum, Günter Posch, kamerasammlung.ch